Eine andere Art des Seins

Maria kann mit ihrem Spielzeug nichts anfangen. Dafür mag sie Türklinken ganz besonders. Peter hat seine eigene Sprache, aber er scheint nicht zuzuhören. Lächeln, Berühren, Anschauen mag er nicht. Autistische Kinder sind besondere Kinder. Ihre Eltern gehen mit ihnen auf eine nstrengende Reise, eine Gratwanderung mit wenig Einblick in eine ganz andere Welt.

Buntschatten oder Fledermäuse – so ordnet ein Jugendlicher die ihn umgebenden Menschen ein. Er empfindet Sprache als Geräusch, seine Welt ist mit seiner Umgebung nicht kompatibel, das Allermeiste im Alltag stellt sich als schwierig heraus. Missverständnisse sind die Regel. Axel Brauns, der Autor dieser – seiner – Geschichte, hat sich zum Schriftsteller und Filmemacher entwickelt. Menschen wie ihm verdanken wir wichtige Hinweise „von innen“ auf das Leben mit Autismus. Und doch bleiben ihre Berichte Zeugnisse von Einzelnen. Kaum eine Krankheit ist individueller ausgeprägt als diese.

Unter Direktion von Prof. Dr. Veit Rößner gibt es an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie am Uniklinikum Dresden die Autismusambulanz. Hierher können Eltern mit ihren Kindern, aber auch betroffene Erwachsene kommen. Ein Team, geleitet von Oberärztin Dr. Katja Albertowski, sucht dann mit ihnen einen akzeptablen Weg ins möglichst normale Leben, also in eine weniger autistische Welt. Das klingt einfacher, als es ist.

„Autismus ist lebensbegleitend, nicht heilbar und in allen Bereichen des Lebens wirksam“, kennzeichnet Dr. Katja Albertowski die Tragweite der Diagnose. „Bis zu einem gewissen Punkt muss man das Anderssein autistischer Menschen akzeptieren. Und doch gibt es Möglichkeiten des Verstehens, der Förderung von Fähigkeiten und die Chancen, einen neuen Entwurf für ein Leben mit autistischen Menschen zu finden“, führt sie weiter aus.

Das Bild von Menschen mit autistischen Störungen ist oft verstellt von populären Beispielen, die ganz besondere Fähigkeiten zeigen, eine geheime Intelligenz, die es nur zu finden gilt. Meistens haben autistische Menschen aber große Schwierigkeiten, die Diskrepanz zwischen ihrer Wahrnehmung und den Anforderungen von außen auszuhalten. Darum ist die Hilfe von Spezialisten aus Psychiatrie, Psychologie, Sozialpädagogik, Ergotherapie, der Heilerziehungspflege oder Kunsttherapie so wichtig.

Dr. Albertowski, Fachärztin für Kinderund Jugendpsychiatrie und -psychotherapie arbeitet seit 2003 auf dem Gebiet der Diagnostik, Therapie und Beratung von Menschen mit Autismus. „Erste Spezialisierungen gab es in Dresden schon vor ca. 30 Jahren, und es ist Frau Dr. Freund, damals im St.-Marien-Krankenhaus Dresden, zu danken, dass wir heute auf diesen Grundlagen aufbauen können. Ihre Pionierarbeit gestaltete sich schwierig, aber unter dem Dach der Kirche waren die Patienten gut aufgehoben“, erinnert sich die Ärztin mit Respekt.

In der Autismusambulanz, die am Dresdner Uniklinikum ein neues medizinisches Umfeld gefunden hat, wird die Behandlung von Menschen mit autistischen Störungen durch interdisziplinäre Zusammenarbeit ständig verbessert. Screening-Instrumente helfen zuweisenden Ärzten herauszufinden, ob speziellere Untersuchungen sinnvoll sind. „Ganz wichtig ist die geeignete Information einer breiteren Öffentlichkeit“, betont Dr. Albertowski. Vorträge, aber auch geeignete Filme oder Theaterstücke helfen, ein unzureichendes Bild der Krankheit zu korrigieren und damit für eine gesellschaftliche Akzeptanz der betroffenen Menschen zu sorgen. (Aktuelles Beispiel: „Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone“ am Staatsschauspiel Dresden.)

Sie hat viel Hochachtung für Familien, die den Alltag mit ihren autistischen Kindern bewältigen. „Das ist eine Dauerbelastung, die nicht immer kompensiert werden kann. Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Unterstützung auch für das eigene Wohlergehen – davon ist noch zu wenig zu sehen.“

Ein verständnisvolles Umfeld finden Eltern auch in Selbsthilfegruppen. Dort herrscht keine Erklärungsnot, da können sich Menschen einfach beistehen und sich austauschen. Dabei wird deutlich, was noch fehlt: Unterstützung für Familien, damit sie beispielsweise eine Selbsthilfegruppe überhaupt besuchen, sich einmal ohne ihre Kinder mit anderen Eltern besprechen oder einfach nur ausspannen können.

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